Begegnung mit dem Satguru

Der Tag, an dem ich Guruji begegnet bin… Zunächst wusste ich nicht, wo genau ich anfangen sollte. Sollte ich beschreiben, wie ich zu meinem ersten Om Chanting kam, bei dem ich Menschen traf, die mich zu Guruji mitnahmen? Oder sollte ich damit anfangen, wie ich zu Gott betete, dass Er nie wieder meine Gedanken verlassen und in meinem Leben jederzeit spürbar präsent sein möge? Oder sollte ich damit anfangen, wie ich dazu kam, mich für den Hinduismus zu interessieren – oder, noch davor, mich für Yoga zu interessieren? Sollte ich ganz am Anfang dieses Lebens ansetzen, damit, wie ich durch Seine Gnade in eine Familie hineingeboren wurde, in der ein Engel lebte – meine Urgroßmutter, die mich nicht nur im aufrichtigen Glauben an Gott erzog, sondern vor allem selbst ein lebender Beweis göttlicher Liebe, Bescheidenheit und des Dienstes am Nächsten war?

Bei welchem Zeitpunkt meines Lebens ich auch beginnen würde – ich bin mir mittlerweile vollkommen bewusst darüber, dass Guruji erstens: in meinem Leben schon immer präsent war und zweitens: alles so perfekt organisiert und orchestriert hat, dass jedes Glück, jeder Schmerz – wahrhaftig jede einzelne Erfahrung – nur dafür da waren, mich zu Ihm zu führen.

Alleine hätte ich es nicht geschafft

Fünf Monate vor meiner physischen Begegnung mit Guruji ging in der Weihnachtsnacht nach dem russisch-orthodoxen Kalender ganz plötzlich meine Beziehung auseinander, obwohl mein Partner und ich sogar zusammenziehen wollten und es uns beiden ernst war. Er konnte es sich selbst nicht erklären, doch aus irgendeinem Grund konnte er nicht mehr mit mir zusammenbleiben und trennte sich einen Tag vor dem Silvesterabend von mir. Obwohl total geschockt, verstand etwas in mir ganz deutlich, dass es deshalb geschah, weil dieser Mensch mich ungewollt von meinem spirituellen Weg abbrachte. Ich war Vegetarierin, trank keinen Alkohol und chantete hinduistische Mantren, doch nach unserem Kennenlernen aß ich immer mal wieder Fisch, trank etwas Alkohol und hatte kaum Zeit, mich meinen Gebeten und Mantren zuzuwenden. Es gefiel mir selbst nicht, diese „Rück“-Entwicklung in meinem Verhalten zu beobachten, doch hätte ich von selbst nicht diesen Schritt getan. Der liebe Gott aber schon. ER hatte auch vorher schon einige andere Dinge getan, die für meinen Verstand wesentlich schmerzhafter waren als dieses Ereignis, nur um mich auf den richtigen Weg zu bringen.

Nach dem anfänglichen Schock wurde mir sofort klar, dass hier Seine Hand im Spiel war. Ich weiß nicht, wie ich damals, als mein Herz so stark blutete, die Aufrichtigkeit dafür aufbringen konnte, am Heiligabend vor der Ikone von Jesus niederzuknien und mich mit folgenden Worten an Ihn zu wenden: „Ich spüre, dass Du hinter diesen Ereignissen steckst. Es tut mir auch weh zu beobachten, dass ich mich von Dir entfernt habe. Deshalb bitte ich Dich, dass Du, was auch immer geschehen mag, auch wenn mich alle verlassen, auch wenn ich absolut nichts mehr habe und besitze, in meinem Leben bleibst. Und dass Du niemals, nicht mal für eine Sekunde, aus meinen Gedanken verschwindest. Mache es bitte so, dass ich jederzeit an Dich denke und Du das Zentrum meines Lebens bist.“

Nur mit Mantren 

Diese Worte mögen sehr übertrieben und pathetisch klingen, doch die nachfolgenden Ereignisse zeigten mir, dass mein Gebet an Gott aufrichtig aus dem Herzen kam. Es lud meine Handlungen so mit Energie auf, dass ich anfing, aktiv nach Gleichgesinnten in meiner Nähe zu suchen.

Und so traf ich mich an einem Tag mit neuen Menschen, die sich für Veden und Mantren interessierten, und an einem anderen Tag fuhr ich in die nächstgelegene russisch-orthodoxe Kirche zum Gottesdienst. Wie es der Zufall wollte, trug diese christliche Gemeinde den Namen meiner geliebten Urgroßmutter, „Heilige Barbara“, und ich kam unwissentlich an einem großen Feiertag dorthin – zur Taufe Jesu. Ich hatte das Gefühl, das Göttliche, Jesus, begrüße und umarme mich vom ganzen Herzen. Nach diesem Wochenende fuhr ich fort, mich regelmäßig sowohl mit Vaishnavas zu treffen als auch die russisch-orthodoxe Kirche zu besuchen. Beides war mir sehr ernst. Kurze Zeit später lernte ich bei einem der Mantra Chanting-Treffen eine Om Chanting-Organisatorin kennen (sie hatte zufällig nur ein einziges Mal ein Treffen besucht). Sie lud mich und ein paar andere zum Om Chanting ein, und ich wollte es ausprobieren. Als ich zum ersten Mal die Bilder von Guruji und Babaji sah, regte sich in mir gar nichts. Ich konnte in Ihnen keine Schönheit wahrnehmen und fand auch nicht, dass Guruji attraktiv war. Das Om Chanting fand ich ebenfalls seltsam und nicht besonders angenehm, aber irgendwie wirkte es und zog mich an.

Während des großen 40-tägigen Fastens vor Ostern fuhr ich zusammen mit meiner christlichen Gemeinde nach Limburg – zur Verehrung des Kreuz Jesu. In dieser Kirche betete ich zu Gott und bat Ihn um drei Dinge: Ich wollte einen wahren Geliebten finden, ich wünschte mir eine glückliche Familie und ich wünschte, einem wahren spirituellen Meister zu begegnen.

Als ich dann wochenlang keine Mantren mehr chantete, verlor ich auch die Freude an christlichen Gebeten. Zu dieser Zeit fand auch kein Om Chanting statt. Ich hatte das Gefühl, zu ersticken. Als wieder ein Vaishnava-Treffen stattfand und wir dort Mantren sangen und Prasad aßen, war es für mich, als ob ich wieder atmen durfte – und ich realisierte, dass ich ohne Mantren und Vaishnavismus gar nicht mehr leben konnte. Ich verstand, dass der russisch-orthodoxe Glaube ein wichtiger Teil meiner Identität und meiner Lebensgeschichte war, für mich jedoch ein ganz neuer Lebensabschnitt begonnen hatte.

Vertrauter Glaube

Wieder „zufällig“ sprachen beim nächsten Om Chanting ein paar Menschen darüber, dass sie einen Fahrer mit Auto suchten, um endlich mal wieder zu einem Darshan von Swami Vishwananda nach Springen zu fahren. Ich war nun nicht mehr abgeneigt, einem erleuchteten Meister zu begegnen. Ich dachte: „Irgendwann muss die Suche nach deinem Meister ja beginnen, warum also nicht jetzt und nicht dort?“ Und so fuhr ich Ende Mai mit drei weiteren Matajis nach Springen. Der Weg über die Serpentinen-Straßen war alles andere als leicht, doch in Shree Peetha Nilaya angekommen, fühlte ich mich wohl. Für mich ganz unerwartet und überraschend, beheimatete das spirituelle Zentrum auch eine russisch-orthodoxe Kirche.

Ich erfuhr, dass die zwei besonders favorisierten Heiligen von Swami Vishwananda der heilige Nikolaus und der heilige Pantaleimon, der Heiler, waren. Zum heiligen Nikolaus betete meine Urgroßmutter schon immer und die Ikone des Heiligen Pantaleimons begleitete mich bereits mein ganzes Leben lang. Es war die einzige Ikone (eine ganz einfache auf Karton), die ich bei meiner Umsiedlung aus Russland nach Deutschland mitgenommen hatte. Die Ikonen von Jesu und Mutter Maria wurden mir erst später geschenkt. So fühlte ich durch diese beiden Heiligen noch vor der Begegnung mit Guruji Sympathie und eine Verbindung zu Ihm. Irgendwie war es mir wichtig, dass mein spiritueller Meister den christlichen Glauben und meine christliche Seite respektierte.

Sein Mitgefühl ist grenzenlos

In der Darshan-Halle fand sich für mich ein Platz nah bei Guruji und direkt neben Musikern. Als die Bhajans begannen, sprang mir vor Freude fast das Herz aus der Brust. Diese Musik war lang ersehnter Balsam für meine Seele. Irgendwann kam Paramahamsa Sri Swami Vishwananda. Er war kleiner als ich Ihn mir vorgestellt hatte. Auch in diesem Moment empfand ich nichts Besonderes. Als Guruji Sich hinsetzte und Seine Augen schloss, tat ich das auch. Doch dann spürte ich, wie Er mich beobachtete. Als ich meine Augen öffnete, huschte Sein Blick schnell in eine andere Richtung. Ich schloss meine Augen wieder und das Ganze wiederholte sich. Dann noch einmal. Ich weiß jetzt, dass Guruji mich gar nicht physisch anzuschauen brauchte, um mich zu sehen, doch dieses Spiel war wohl für meinen Verstand gedacht.

Als Er mit dem Darshan begann, wurde mir schnell klar, dass da kein gewöhnlicher Mensch vor uns saß. Er schenkte jeder Person so viel Liebe und Zuwendung, dass ich sofort verstand, dass kein „normaler“ Mensch dazu in der Lage wäre. Durch meine Arbeit als Psychologin wusste ich, dass ich bereits nach einem Dutzend solch intensiver Kontakte mit Klienten bereits völlig erschöpft gewesen wäre. Die Fähigkeit zu lieben, die Paramahamsa Vishwananda ausstrahlte, überstieg mein Vorstellungsvermögen und all meine Erfahrungen von Liebe und Hingabe.

Als ich an der Reihe war, Seinen Darshan zu empfangen, glaubte ich, einem Heiligen gegenüberzustehen. Aber da war kein Heiliger vor mir. Als Paramahamsa Vishwananda meine Stirn mit einer Hand und meinen Hinterkopf mit der anderen Hand berührte und mir in die Augen schaute, realisierte etwas tief in mir drin: „Das ist der Herr Selbst, der aus diesen Augen auf mich schaut.“ Sein Mitgefühl für mich war mehr als grenzenlos – in diesem Moment spürte ich, dass Er mir all die Liebe schenkte, die ich mir so sehr gewünscht hatte: von meinen Eltern, Verwandten, Freunden, Geliebten. Ich spürte, dass Er sah, was ich durchlebte und wie sehr ich leiden musste. Ich spürte vollkommene Akzeptanz meiner unvollkommenen Person. Ich spürte, dass ich es wert war, geliebt zu werden. Ich fing an zu zittern, und Tränen flossen aus meinen Augen.

Und da kam mir der Gedanke: „Wenn ich aufhöre, zu zittern und zu weinen, dann lässt Er mich los.“ Ein paar Augenblicke später ließ Guruji mich los und sofort versiegten die Tränen, das Zittern hörte auf. Ich verstand, dass der Darshan der Grund für meine Körperreaktion gewesen war. Guruji fragte mich ganz freundlich etwas, was ich nicht verstand. Dann fragte Er mich, woher ich komme, und ich antwortete „aus Deutschland“. Später am Abend wollte ich nochmal zu Ihm gehen, um Ihm zu sagen, dass ich eigentlich aus Russland kam, traute mich aber nicht.

Bei diesem Darshan gab ich Guruji ein kleines Bild zum Segnen, auf dem ein in Liebe vereintes Pärchen dargestellt war. Ich wollte, dass Guruji mir diese Karte segnete, damit ich sie immer bei mir tragen und meinem wahren Seelengefährten begegnen konnte. Guruji nahm dieses Kärtchen in die Hand, lächelte mich sehr vielsagend an und gab es mir zurück. Erst später las ich in dem Buch zu dieser Karte, dass sie in Wirklichkeit die Union mit unserem einzig wahren Geliebten bedeutete, mit dem Herrn Selbst.

Seine Schülerin

Nach dem Darshan wusste ich: Ich will diesen Ort nie wieder verlassen. Nirgendwo auf dieser Erde hatte ich mich heimisch gefühlt – und plötzlich realisierte ich, dass Shree Peetha Nilaya mein wahres Zuhause war. Mich, die nirgendwohin besonders wollte, zog es mit einer unwiderstehlichen Kraft nur zu einem Ort – zu Guruji nach Springen. Nach dem ersten Darshan erhoben sich in meinem Verstand ganz viele Fragen, doch mein Herz wusste, dass es nur Einen gab – Guruji. Plötzlich empfand ich Ihn als das wunderschönste Wesen auf der ganzen Welt, und ich spürte, dass diese Anziehung nichts mit den Gefühlen zu tun hatte, die ich in meinem Leben bis dahin empfunden hatte – es war eine ganz andere Dimension. Nicht für eine Sekunde konnte ich aufhören, an Ihn zu denken. Jeden Tag betete ich inbrünstig, dass Guruji mich als Seine Schülerin akzeptieren möge. Zuerst sah ich keine Möglichkeit, in den nächsten paar Monaten zu einem Darshan mit Guruji fahren zu können.

In dieser Zeit nach der ersten Begegnung mit Guruji war ich so überglücklich, dass ich bei der Beichte in der Kirche überhaupt nicht mehr wusste, von welchen Sünden ich dem Priester berichten sollte, ich fand nämlich keine. Ich empfand weder Neid noch Ärger, noch Lust, noch log ich… Mein Herz jubelte nur, und ich liebte alle und alles um mich herum. Als ich zu meinem zweiten Darshan in den Ashram kam, betete ich im Tempel, in der Kirche, im Foyer, in der Shiva-Lounge und in Babajis Höhle zu allen Heiligen und Gottheiten, dass Guruji mich an diesem Tag als Seine Schülerin akzeptieren möge.

Ich betete zu Babaji, dass Er als Gurujis Guru Ihn bitte dazu zwingen möge, dass Er mich akzeptiert, falls Guruji Zweifel haben sollte. Ich betete so, als ob ich Ihn nur dann und nie wiedersehen würde, um Ihm diese Frage zu stellen. Ich bereitete Sätze auf Englisch vor und lernte sie auswendig. Als ich in der Darshan-Schlange stand, las ich immer wieder meinen Zettel. Dort waren fünf Sätze auf einer halben Seite notiert. Mein zweiter Darshan kam mir unendlich vor, und ich hatte das Gefühl, dass Guruji immer tiefer in mich eintauchte. Als ich Ihm meinen Zettel mit der Bitte, mich als Seine Schülerin zu akzeptieren gab, sagte Er nur „too long“, und legte ihn zu Seinem Giridhari. Ich war so verzweifelt darüber, dass ich wie aus der Pistole geschossen den wichtigsten auswendig gelernten Satz auf Englisch sprach: „Guruji, bitte akzeptiere mich als Deine Schülerin, gib mir einen spirituellen Namen, das Guru-Mantra und den Ishtadev“. Ich fragte so, wie man mich zuvor gelehrt hatte zu fragen. Alles auf einmal. Guruji schaute mich ernst an und fragte: „Are you sure?“ Meine Zuversicht versuchte ich durch weit geöffnete Augen und intensives Nicken zu demonstrieren. Daraufhin schrieb Er etwas auf einen Zettel. Als ich ihn später auseinander faltete, so stand da „nur“ der spirituelle Name. Ich war glücklich und zugleich enttäuscht. Später am Abend hörte ich dazu von einer Mataji: „Ich frage Guruji schon seit zwei Jahren nach dem spirituellen Namen, und Er gibt ihn mir nicht und dir gab Er ihn schon beim zweiten Darshan.“ Nur in dieser Relation konnte ich damals erkennen, was für eine Gnade mir zuteilwurde. Unser Verstand will immer mehr, weiß aber gar nicht, welche Bedeutung hinter jedem spirituellen Ereignis steht, und dass man dafür reif, bereit sein muss. Ich darf immer wieder erkennen und lernen, wie perfekt Guruji jeden Moment meines Lebens organisiert, ob auf der spirituellen oder auf der weltlichen Seite.

Natürlich geschieht die physische Begegnung mit dem Satguru auch zu einem einzig richtigen Zeitpunkt, doch in Wirklichkeit war Er schon immer bei mir und zeigte mir dies auf vielfältige Art und Weise. In kürzester Zeit erfüllten sich meine Gebete an das heilige Kreuz in Limburg: Ich begegnete meinem einzig wahren Geliebten, meinem spirituellen Meister, und mir wurde eine glückliche Familie geschenkt – meine spirituelle Familie. Obwohl der Wunsch nach dem spirituellen Meister der Letzte der drei Wünsche war, war er der Erste, der erfüllt wurde. Dies war die Bedingung für die Erfüllung der anderen beiden Wünsche. Wie verrückt ist das nur! Jetzt weiß ich, dass der Satguru die einzige Wahrheit, die einzige Realität und das einzige Ziel im Leben ist.

Dies ist nur ein kleiner Teil der Liebesgeschichte zwischen dem Göttlichen in der Form des Satgurus, meinem geliebten Guruji, Paramahamsa Vishwananda, und meiner Seele, die sich noch erkennen muss. Alles möchte ich in tiefster Dankbarkeit zu Seinen Lotusfüßen legen. Möge mein Herz für immer singen: Jai Gurudev! Om Namo Narayanaya!

Nandani Dasi

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